Eine OTDR-Messung zeigt eine Glasfaserstrecke als Kurve über die Länge. Spleiße, Stecker, starke Biegungen und das Faserende erscheinen mit Ort und Dämpfung. Damit sieht man, wo die Strecke Verluste hat und ob sauber gespleißt wurde. Für die Abnahme verlangen viele Normen zusätzlich die Messung der Einfügedämpfung.
01Was zeigt eine OTDR-Messung?
Sie zeigt, wo auf der Strecke Licht verloren geht und wie viel. Das Messgerät schickt kurze Lichtpulse in die Faser und wertet das Licht aus, das zurückkommt: die schwache Rückstreuung der Faser selbst und die Reflexionen an Steckern1. Aus der Laufzeit ergibt sich der Ort, aus der Stärke die Dämpfung.
Auf der Kurve sieht man vier Dinge:
- Die Faser: eine gleichmäßig fallende Linie. Ihre Steigung ist die Dämpfung in dB pro Kilometer.
- Spleiße: eine kleine Stufe. Ein sehr guter Fusionsspleiß kann so klein sein, dass er kaum zu erkennen ist.
- Stecker und mechanische Spleiße: eine Stufe mit einer Spitze davor, weil dort Licht reflektiert wird.
- Das Ende: eine große Reflexion, danach nur noch Rauschen.
Kurze Pulse lösen fein auf, lange Pulse reichen weiter1. Bei kurzen Strecken mit dicht liegenden Ereignissen kommt es deshalb auf kurze Pulse und eine saubere Einstellung des Geräts an.
02Welche Wellenlängen werden gemessen?
Bei Multimode 850 und 1300 nm, bei Singlemode 1310 und 1550 nm, auf Wunsch zusätzlich 1625 nm3. Die Messung auf zwei Wellenlängen hat einen praktischen Grund: Längere Wellenlängen reagieren stärker auf Biegung und Druck. Ist ein Ereignis bei 1550 nm deutlich größer als bei 1310 nm, deutet das auf eine Biegung oder Belastung der Faser hin, nicht auf einen schlechten Spleiß1.
03Warum braucht man Vorlauf- und Nachlauffaser?
Weil das OTDR direkt an seinem Anschluss blind ist und den ersten Stecker sonst nicht bewerten kann. Nach der starken Reflexion am Geräteanschluss folgt eine Totzone, in der das Gerät nichts auflöst. Die Vorlauffaser schiebt den ersten Stecker der Strecke aus dieser Zone heraus und liefert davor ein Stück Kurve als Bezug1. Am anderen Ende gilt dasselbe: Ohne Nachlauffaser lässt sich die Dämpfung des letzten Steckers nicht messen.
Für Singlemode nennt die FOA eine Vorlauffaser von 500 bis 1000 Metern2. Das kann länger sein als die ganze Strecke an Bord. Wer die Vorlauffaser weglässt oder zu kurz wählt, bekommt gerade bei kurzen Strecken Kurven, die sich nicht sauber auswerten lassen.
04Warum misst man in beide Richtungen?
Weil eine Messung aus nur einer Richtung den Spleißwert verfälschen kann. Zwei Fasern streuen selten genau gleich stark zurück. Trifft das Licht am Spleiß auf eine Faser mit stärkerer Rückstreuung, zeigt das OTDR einen zu kleinen Verlust oder sogar einen „Gewinn“. Aus der Gegenrichtung erscheint derselbe Spleiß zu schlecht1.
Der echte Verlust ist in beiden Richtungen gleich. Man misst deshalb beide Richtungen und bildet den Mittelwert. Die FOA nennt das den einzigen Weg, Spleiße in einer Strecke genau zu bewerten1. Ein „Gewinn“ am Spleiß ist also kein Gerätefehler. Er entsteht durch die unterschiedliche Rückstreuung und verschwindet im Mittelwert beider Richtungen.
05Welche Werte gelten für Spleiß und Stecker?
Die verbindlichen Grenzwerte stehen in der Spezifikation des Projekts. Zur Orientierung dienen die Höchstwerte der Norm TIA-568 und die typischen Werte, die die FOA dazu nennt4:
| Größe | Typischer Wert | Höchstwert nach TIA-568 |
|---|---|---|
| Fusionsspleiß Singlemode | unter 0,05 dB | 0,3 dB |
| Spleiß Multimode | 0,1 bis 0,5 dB, im Mittel etwa 0,3 dB | 0,3 dB |
| Steckverbindung | Singlemode werkseitig 0,1 bis 0,2 dB, Multimode 0,2 bis 0,5 dB | 0,75 dB |
| Faser Singlemode | 0,4 dB/km bei 1310 nm, 0,3 dB/km bei 1550 nm | 1,0 dB/km innen, 0,5 dB/km außen |
| Faser Multimode | 3 dB/km bei 850 nm, 1 dB/km bei 1300 nm | 3,5 dB/km bei 850 nm, 1,5 dB/km bei 1300 nm |
Für die Reflexion von Steckern nennt die FOA diese Größenordnungen: PC −30 bis −40 dB, UPC −40 bis −50 dB, APC −60 dB oder besser4.
In Spezifikationen steht oft ein strengerer Wert, zum Beispiel „höchstens 0,1 dB pro Fusionsspleiß, in beide Richtungen gemittelt“. Das ist ein Vertragswert, kein Normwert. Wenn er gelten soll, muss er im Vertrag stehen, zusammen mit den Wellenlängen und der Messmethode.
06Reicht die OTDR-Messung für die Abnahme?
Nach vielen Normen nicht. Sie erlauben es nicht, die Dämpfung einer Strecke allein mit dem OTDR nachzuweisen. Verlangt wird die Einfügedämpfung, gemessen mit Lichtquelle und Leistungsmesser von Ende zu Ende5. In der TIA-568 ist diese Messung die Grundprüfung („Tier 1“), das OTDR die ergänzende Prüfung („Tier 2“)1,5.
Die beiden Messungen beantworten verschiedene Fragen. Die Einfügedämpfung sagt, wie viel Licht am Ende ankommt, also ob die Strecke funktioniert. Das OTDR sagt, wo das Licht verloren geht, also ob sauber gearbeitet wurde und wo nachgearbeitet werden muss.
Auf Schiffen kommen die Regeln der Klassifikationsgesellschaft dazu. Lloyd's Register verlangt zum Beispiel bei Glasfaserkabeln eine Dämpfungsmessung vor und nach der Verlegung, mit Protokoll an Bord6. Die Verlegungsnorm IEC 60092-352 hat in ihrer neuen Ausgabe von Oktober 2025 außerdem Anforderungen an Glasfaserkabel aufgenommen7.
07Wie rechnet man das Dämpfungsbudget?
Faserdämpfung mal Länge, plus Zahl der Stecker mal Steckerverlust, plus Zahl der Spleiße mal Spleißverlust, bei Bedarf plus Reserve4. Das Ergebnis ist der Wert, den die gemessene Einfügedämpfung nicht überschreiten darf.
Ein Beispiel mit den Höchstwerten der TIA-568 für eine Singlemode-Strecke an Bord mit 150 Metern Faser, zwei Steckverbindungen und zwei Spleißen:
| Anteil | Rechnung | Dämpfung |
|---|---|---|
| Faser | 0,15 km × 1,0 dB/km | 0,15 dB |
| Stecker | 2 × 0,75 dB | 1,50 dB |
| Spleiße | 2 × 0,3 dB | 0,60 dB |
| Budget | 2,25 dB |
Das Beispiel zeigt, was an Bord zählt. Die Faser selbst spielt bei kurzen Strecken kaum eine Rolle, Stecker und Spleiße bestimmen das Ergebnis. Bei kurzen Strecken entscheiden deshalb saubere Stirnflächen und gute Spleiße.
08Was gehört in das Messprotokoll?
Nach der FOA-Norm FOA-4 mindestens Datum, Prüfer, Messgerät, die Kennung von Kabel und Faser, die Wellenlängen und alle Kurven3. Sinnvoll sind außerdem diese Angaben, auch wenn FOA-4 sie nicht verlangt:
- Seriennummer und Kalibrierdatum des Messgeräts
- Pulsbreite, Messbereich, Mittelungszeit und Brechungsindex
- Länge von Vorlauf- und Nachlauffaser
- Messrichtung, bei zwei Richtungen beide Kurven und der Mittelwert
- Ereignistabelle mit Ort, Dämpfung und Reflexion jedes Spleißes und Steckers
- Gesamtdämpfung, Rückflussdämpfung und die Bewertung gegen den Grenzwert
- die Messdateien im Format .sor, damit sich die Kurven mit üblicher Auswertesoftware wieder öffnen lassen
Mit den Messdateien lässt sich eine spätere Messung direkt mit der alten Kurve vergleichen, etwa wenn an der Strecke Jahre später etwas umgebaut wird.
09Welche Fehler sollte man bei der OTDR-Messung vermeiden?
Diese Fehler ergeben sich direkt aus der Messtechnik:
- Ohne oder mit zu kurzer Vorlauffaser gemessen: Der erste Stecker liegt in der Totzone und lässt sich nicht bewerten.
- Nur aus einer Richtung gemessen: Spleiße erscheinen als „Gewinn“ oder zu schlecht.
- Automatische Auswertung ohne Kontrolle: Das Gerät setzt Ereignisse falsch oder übersieht sie. Ein Fachmann muss die Kurve ansehen.
- OTDR statt Einfügedämpfung: Die Kurve ersetzt nicht die Messung von Ende zu Ende.
- Falscher Brechungsindex: Längen und damit die Orte der Ereignisse stimmen nicht.
- Geisterbilder bei kurzen Strecken: Starke Reflexionen an Steckern erzeugen scheinbare Ereignisse, die als Bruch gedeutet werden1.
- Verschmutzte Stecker: Schmutz auf der Stirnfläche verschlechtert Dämpfung und Reflexion. Vor dem Stecken reinigen und prüfen.
10Was sollte vor dem ersten Spleiß festgelegt sein?
Damit am Ende niemand über Werte streitet, klären Werft und Elektrofirma vorher:
- Fasertyp und Steckertyp der Strecken
- die Wellenlängen der Messung
- Grenzwerte für Spleiß, Stecker und Gesamtdämpfung
- ob in beide Richtungen gemessen wird
- ob zusätzlich die Einfügedämpfung gemessen wird
- die Form des Protokolls und ob die Messdateien übergeben werden
- was die Klassifikationsgesellschaft für das Schiff verlangt
11Wie wir es bei Electronautics machen
Wir spleißen Lichtwellenleiter an Bord und messen sie mit OTDR. Das Ergebnis kommt ins Protokoll.
Mit dem OTDR sieht man, wo auf einer Faser etwas nicht stimmt. Richtig eingesetzt heißt das: mit Vorlauf- und Nachlauffaser, auf zwei Wellenlängen, in beide Richtungen und zusammen mit der Messung der Einfügedämpfung. Stehen die Grenzwerte vorher fest, lässt sich jedes Ergebnis im Protokoll eindeutig bewerten.
Wichtig
Die Werte in diesem Beitrag sind Richtwerte der Fiber Optic Association auf Grundlage der TIA-568. Verbindlich sind die Grenzwerte aus der Spezifikation Ihres Schiffs und die Vorgaben der Klassifikationsgesellschaft.
Fragen zum Beitrag: info@electronautics.de
Quellen
- The Fiber Optic Association (FOA): Testing with an OTDR thefoa.org ↗
- FOA: OTDR – häufige Fragen (FAQ) thefoa.org ↗
- FOA-Norm FOA-4 zur Prüfung installierter LWL-Strecken (Stand Januar 2025) thefoa.org ↗
- FOA: Dämpfungsbudget (Loss Budget) mit Richtwerten nach TIA-568 thefoa.org ↗
- FOA: Genauigkeit von LWL-Messungen thefoa.org ↗
- Lloyd's Register, Rules for Ships, Pt 6 Ch 2 Sec 21 „Testing and trials“ (Ausgabe Juli 2022) imorules.com ↗
- IEC 60092-352:2025, Ausgabe 4.0, Inhalt und Änderungen cdn.standards.iteh.ai ↗
Stand: 17. Oktober 2026