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Elektriker ziehen Kabel entlang einer Kabelbahn an Bord
Montage · Kabelzug

Kabelzug auf dem Schiff. Welche Regeln gelten und wo es schiefgeht.

Auf einem Schiff liegen viele Kilometer Kabel, und jedes muss nach Norm und Klasse liegen. Die wichtigsten Regeln für den Kabelzug: Biegeradius, Befestigung, Trennung, Durchführungen und Kennzeichnung.

Stand 17. Oktober 20268 Min. LesezeitMarcel Bekci

Beim Kabelzug auf dem Schiff wird jedes Kabel nach der Kabelliste auf vorbereiteten Trassen verlegt, befestigt, durch Schotte und Decks geführt und gekennzeichnet. Dabei gelten die Verlegungsnorm IEC 60092-352 und die Regeln der Klassifikationsgesellschaft. Wer die Regeln kennt, spart sich Nacharbeit bei der Abnahme.

01Welche Norm gilt für den Kabelzug auf dem Schiff?

Die IEC 60092-352 und die Regeln der Klassifikationsgesellschaft, die der Bauvertrag nennt. Die Ausgabe 2005 der IEC 60092-352 wurde am 23. Oktober 2025 zurückgezogen2. Ersetzt wurde sie durch die Ausgabe 4.0 vom Oktober 2025 mit dem neuen Titel „Selection, installation, and operating conditions of cables“. Sie reicht bis 18/30 (36) kV und enthält neue Anforderungen an Kategoriekabel bis 1000 MHz, an Glasfaserkabel und an Übergänge in explosionsgefährdete Bereiche3.

Dazu kommen die Klassenregeln, etwa bei Lloyd's Register Teil 6 Kapitel 2 Abschnitt 114, und die Anforderungen der IACS, des Dachverbands der Klassifikationsgesellschaften5. Klassen können strengere oder andere Werte haben als die IEC. Welche Ausgabe und welche Klasse gelten, steht im Bauvertrag. Das ist die erste Frage vor jedem Kabelzug.

02Welcher Biegeradius gilt für Schiffskabel?

Der Wert des Kabelherstellers, mindestens aber der Tabellenwert der Norm. Die Ausgabe 2005 der IEC 60092-352 nennt für Kabel bis 1,8/3 kV diese Mindestradien, jeweils als Vielfaches des Kabeldurchmessers D1:

Kabelart Mindest-Biegeradius
unbewehrt, ohne Geflecht, bis 25 mm Durchmesser 4D, mit Funktionserhalt 6D
unbewehrt, ohne Geflecht, über 25 mm Durchmesser 6D
mit Geflechtschirm oder Bewehrung 6D
draht- oder bandbewehrt, metallummantelt 6D
mit Folienschirm aus Polyester-Metall-Laminat 8D
mit Sektorleitern 8D
mineralisoliert 6D

Für Kabel ab 3,6/6 kV gelten 12D bei einadrigen und 9D bei dreiadrigen Kabeln1. Lloyd's Register nennt für Hochspannungskabel dieselben Werte4. Der Kabelhersteller Prysmian empfiehlt, beim Verlegen das 1,5-Fache des Tabellenwerts einzuhalten9. Beim Einziehen um Ecken und durch Durchführungen ist der Radius besonders zu beachten.

03Wie zieht man Kabel, ohne sie zu beschädigen?

Mit begrenzter Zugkraft und nicht bei zu großer Kälte. Prysmian nennt als höchste Zugkraft 50 N je mm² Gesamtleiterquerschnitt9. Für ein Kabel mit drei Leitern zu je 95 mm² sind das 285 mm² × 50 N/mm², also rund 14 kN. Kabel mit Mantel aus Thermoplast sollen nach Herstellerangabe nicht unter −15 °C verlegt werden, vorgewärmt auch bei tieferen Temperaturen9.

04Wie werden Kabel befestigt, und wann sind Metallschellen nötig?

Auf waagerechten Trassen liegen die Kabel auf Auflagen mit höchstens 400 mm Abstand und werden mindestens alle 900 mm befestigt1. Lloyd's Register gibt die Schellenabstände nach Kabeldurchmesser an4:

Kabeldurchmesser höchster Schellenabstand, unbewehrt höchster Schellenabstand, bewehrt
bis 8 mm 200 mm 250 mm
8 bis 13 mm 250 mm 300 mm
13 bis 20 mm 300 mm 350 mm
20 bis 30 mm 350 mm 400 mm
über 30 mm 400 mm 450 mm

Liegen die Kabel auf einer Trasse auf, sind bei Lloyd's Register bis zu 900 mm zulässig4.

Bei den Metallschellen weichen die Regelwerke voneinander ab. Der Zweck ist überall derselbe: Im Brandfall dürfen Kabel nicht herabfallen, Menschen verletzen oder Fluchtwege versperren.

Regelwerk Anforderung
IEC 60092-352:2005 Liegen Kabel mit Kunststoffbindern nicht auf einer waagerechten Trasse, zum Beispiel senkrecht oder unter der Trasse, sind zusätzlich Metallschellen im Abstand von höchstens 1 m nötig. In Bereichen mit hoher Brandgefahr und in Fluchtwegen müssen Schellen und Bänder aus Metall sein1.
Lloyd's Register Wo Kunststoffschellen verwendet werden, sind ergänzende Metallschellen im Abstand von höchstens 2 m vorgeschrieben. Kunststoffbefestigungen müssen flammwidrig sein4.
IACS UR E16 Kunststofftrassen und -kanäle müssen typgeprüft sein und Metallbefestigungen haben, in der Regel höchstens alle 2 m. Füllgrad höchstens 40 Prozent, an Deck mit UV-Schutz5.

Einen einheitlichen Wert gibt es also nicht. Maßgeblich sind die Klasse und die Normausgabe des Bauvertrags. Hat die Werft eigene Hausvorgaben, gelten diese zusätzlich. Am sichersten ist es, den Abstand vor dem Start schriftlich festzulegen.

05Wie trennt man Leistungs-, Signal- und Hochspannungs­kabel?

Nach Kabelkategorien und mit Abstand, Hochspannung immer getrennt. Die IEC 60533 teilt Kabel in vier Kategorien ein: Leistung, Signal und Steuerung, Funk und Video, Hochleistung und Stromrichter. Laufen Kabel verschiedener Kategorien länger als 1 m parallel, empfiehlt sie mindestens 10 cm Abstand, zwischen Signal- und Stromrichterkabeln mindestens 20 cm, wenn die Kabel höchstens 5 cm über der Bezugsmasse liegen. Andernfalls empfiehlt sie stark geschirmte Kabel oder Metallrohre mit mindestens 1 mm Wandstärke8. Diese Werte stehen im informativen Anhang B der IEC 60533. Sie sind eine Empfehlung, keine Pflicht. Ob sie verbindlich werden, entscheidet die Spezifikation.

Für Hochspannung gibt es keinen Spielraum. Hochspannungskabel liegen nicht im selben Bündel, Kanal, Rohr oder Kasten wie Niederspannungskabel und nicht auf derselben Trasse wie Kabel bis 1 kV. In Unterkunftsbereichen laufen sie in geschlossenen Kabelkanälen5,10.

Weitere Regeln aus der Norm und von Lloyd's Register1,4:

  • Kabel mit unterschiedlicher zulässiger Leitertemperatur gehören nicht in dieselbe Schelle, Durchführung oder denselben Kanal.
  • Redundante Versorgungen wichtiger Verbraucher laufen auf getrennten Wegen.
  • An Dehnungsfugen des Rumpfs braucht das Kabel eine Schlaufe mit mindestens 12D Innenradius.
  • Einadrige Wechselstromkabel eines Stromkreises liegen dicht beieinander, höchstens einen Kabeldurchmesser auseinander. Zwischen ihnen darf kein magnetisches Material liegen. Über 250 A ist zu Stahl mindestens 50 mm Abstand nötig, außer bei Verlegung im Dreieck.
  • Liegen mehr als sechs gleichzeitig voll belastete Kabel ohne Luftzirkulation im Bündel, sinkt ihre Belastbarkeit. Lloyd's Register setzt dafür den Faktor 0,85 an. Signalkabel sind ausgenommen.

06Was gilt für Kabel­durchführungen durch Schotte und Decks?

Sie dürfen die Dichtigkeit und den Brandschutz der Wand nicht schwächen. Durchführungen durch wasserdichte Schotte und Decks müssen selbst wasserdicht sein. Durch Decks geführte Kabel sind bis zu einer ausreichenden Höhe zu schützen1. Bei Lloyd's Register bekommen Bohrungen in nicht wasserdichten Wänden eine Buchse, außer der Stahl ist mindestens 6 mm dick und die Kanten sind gerundet4.

Für wasserdichte Durchführungen führt die Bauwerft ein Register nach IACS UR Z23. Darin stehen Kennzeichnung, Herstellerhandbücher, Typzulassungen, Einbauzeichnungen und der Zustand nach der Endkontrolle. Der Besichtiger prüft Ausführung, Befestigung, Typzulassung und Register. Das gilt für Neubauten mit Bauvertrag ab 1. Juli 20216. Bei der Klassenerneuerung werden alle Durchführungen erneut untersucht. Wer eine Durchführung öffnet und neu packt, muss sie nach Herstellervorgabe und Typzulassung wiederherstellen7.

Eine Typzulassung gilt für ein bestimmtes System und kann auf bestimmte Einbausituationen beschränkt sein. Eine DNV-Zulassung für ein Durchführungssystem gilt zum Beispiel nur für den Einbau in Sandwichpaneele12. Ein Rahmen ist also nicht automatisch wasserdicht oder A-60, nur weil das System eine Zulassung hat.

A-60 heißt: Die Wand hält 60 Minuten Feuer stand, und auf der kalten Seite steigt die Temperatur im Mittel um höchstens 140 K, an keinem Punkt um mehr als 180 K13. Eine Durchführung in einer solchen Wand muss diese Werte miterfüllen.

07Wie werden Kabel an Bord gekennzeichnet?

Nach dem System, das die Spezifikation festlegt. Die IEC 60092-352:2005 sieht die Kennzeichnung der Kabelenden vor, soweit sie gefordert ist1. Hochspannungskabel müssen besonders und leicht erkennbar gekennzeichnet sein4,10. Für jede Verteilung gibt es eine Stromkreisliste mit dem Kabeltyp11. Ein allgemeines Kennzeichnungssystem haben wir in den genannten Regelwerken nicht gefunden. Ob an beiden Enden, an Durchführungen und mit welchem Schildermaterial gekennzeichnet wird, gehört deshalb in die Spezifikation.

08Welche Fehler passieren beim Kabelzug?

Diese Fehler ergeben sich direkt aus den Regeln:

  • Biegeradius beim Einziehen unterschritten, vor allem bei Hochspannungskabeln (12D, 9D) und Kabeln mit Folienschirm (8D).
  • Nur Kunststoffbinder an senkrechten Läufen, unter Trassen oder in Fluchtwegen.
  • Zugkraft überschritten oder Kabel mit Thermoplast-Mantel unter −15 °C verlegt.
  • Kabel verschiedener Temperaturklassen in derselben Durchführung.
  • Durchführung nicht nach Typzulassung gepackt, Register und Einbaudaten fehlen.
  • Signal- und Leistungskabel ohne Abstand parallel geführt, Schirme nicht aufgelegt.
  • Hochspannung im selben Bund oder auf derselben Trasse wie Niederspannung.
  • Redundante Versorgungen auf einer Trasse, keine Schlaufe an Dehnungsfugen.
  • Kanäle überfüllt, mehr als 40 Prozent.
  • Einadrige Wechselstromkabel auseinandergezogen oder mit Stahl dazwischen.

09Was sollte vor dem Kabelzug geklärt sein?

  1. Normausgabe und Klasse aus dem Bauvertrag
  2. Kabelliste mit Typ, Querschnitt, Länge, Start und Ziel jedes Kabels
  3. Stand der Trassen und Halterungen: montiert, konserviert, abgenommen
  4. Abstand der Metallschellen und Hausvorgaben der Werft
  5. Wer Durchführungen packt und die Daten für das Register liefert
  6. Kennzeichnungssystem und Schildermaterial
  7. Lagerplatz für die Trommeln, Zugänge, Baustrom und Licht
  8. Welche Messungen nach dem Kabelzug folgen und wer sie protokolliert

10Wie wir es bei Electronautics machen

Wir übernehmen Trassen und Halterungen, Fern- und Lokalkabelzug. Jedes Kabel wird einzeln verlegt, befestigt und gekennzeichnet. Halterungen für Kabelbahnen, Durchführungen und Erdungsbolzen schweißen unsere zertifizierten Schweißer nach EN ISO 9606-1 an Bord. Am Ende messen wir mit Protokoll, Lichtwellenleiter mit OTDR. Den Kabelzug vergeben Werften bei uns als Arbeitspaket mit eigener Mannschaft und Bauleiter oder holen Elektriker per Arbeitnehmerüberlassung ins eigene Team.

Ein guter Kabelzug beginnt mit der Frage, welche Normausgabe und welche Klasse gelten. Danach entscheiden Biegeradius, Befestigung, Trennung und saubere Durchführungen, ob die Abnahme glatt läuft. Werte, bei denen die Regelwerke voneinander abweichen, gehören vor dem Start in die Spezifikation.

Wichtig

Die Zahlen in diesem Beitrag stammen aus der IEC 60092-352 in der Ausgabe 2005, aus den Regeln von Lloyd's Register (Ausgabe Juli 2022), aus IACS-Anforderungen, aus der IEC 60533, aus Unterlagen der dänischen Seefahrtsbehörde und aus Herstellerangaben. Verbindlich sind die Normausgabe und die Klassenregeln, die Ihr Bauvertrag nennt.

Über diesen BeitragMarcel Bekci · Geschäftsführer der Electronautics GmbH

Fragen zum Beitrag: info@electronautics.de

Quellen

  1. IEC 60092-352:2005, 3. Ausgabe, Choice and installation of electrical cables (Volltext) law.resource.org ↗
  2. IEC Webstore: IEC 60092-352:2005, zurückgezogen am 23.10.2025 webstore.iec.ch ↗
  3. IEC 60092-352:2025, Ausgabe 4.0, Inhalt und Änderungen cdn.standards.iteh.ai ↗
  4. Lloyd's Register, Rules for Ships, Pt 6 Ch 2 Sec 11 „Electric cables“ (Ausgabe Juli 2022) imorules.com ↗
  5. IACS: Requirements concerning electrical and electronic installations, mit UR E11 und E16 (Stand 09/2023) safety4sea.com ↗
  6. IACS UR Z23 Rev.7 Corr.1 (Oktober 2022) classnk.or.jp ↗
  7. IACS UR Z28: Surveys of Watertight Cable Transits iacs.s3.af-south-1.amazonaws.com ↗
  8. IEC 60533:2015, Ausgabe 3.0, EMV auf Schiffen mit Metallrumpf law.resource.org ↗
  9. Prysmian: Marine Cable Catalogue North Europe dk.prysmian.com ↗
  10. IEC 60092-503:2007, Netze über 1 kV bis 15 kV law.resource.org ↗
  11. IEC 60092-201:2019, Ausgabe 5.0, Systemauslegung law.resource.org ↗
  12. DNV-Typzulassung TAF0000147 Rev.2 für ein Kabeldurchführungssystem cdn.content-publisher.roxtec.com ↗
  13. Dänische Seefahrtsbehörde: Notice D II-2 A zu A- und B-Klasse-Teilungen (2007) dma.dk ↗

Stand: 17. Oktober 2026

Kabelzug nach Plan.

Trassen und Halterungen, Fern- und Lokalkabelzug. Jedes Kabel einzeln verlegt, befestigt und gekennzeichnet, am Ende gemessen mit Protokoll.

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